Soviel zu tun…:)

März 18, 2010

Nun bin ich schon seit fast einem Monat im Studentenwohnheim und habe mich inzwischen eingelebt. Die Tage vergehen unheimlich schnell. Ich habe das Gefühl, dass ich nicht genug Zeit habe für alles, das ich lernen möchte, es gibt so viele „Baustellen“, an denen ich gerne arbeiten möchte.* Zuallererst natürlich die Sprache, eigentlich müßte ich den ganzen Tag mit Vokabellernen verbringen (bzw. auch mit Ausspracheübungen; habe leider kein gerolltes „r“ in meinem Repertoire, das ich aber im Sinne der Verständlichkeit unbedingt bräuchte)…die Löcher in meinem Wortschatz müssen dringend gestopft werden. Ich werde innerlich ganz zappelig, wenn ich nur einige Wörter aufschnappe, mir der genaue Zusammenhang aber nicht klar wird…wie z.B. in der Vorlesung zu „Angelegenheiten der muslimischen Frau“, wenn Schlagwörter wie Menschenrechte, die Frauenbewegung in Europa oder Feminismus fallen. Ich wüßte zu gerne, was genau dann erzählt und wie es bewertet wird. Auch die wöchentliche Veranstaltung in der Kulturhalle, dem Audimax, muss unheimlich interessant sein; es spricht entweder einer der Professoren oder ein Gastredner. Aus Anlass der palästinensischen Woche war letztens ein Gast aus Ägypten da, der einst gegen Israel gekämpft hat… Nach seinem Interview wurde von Studentinnen ein Theaterstück aufgeführt, in dem es um die Situation des palästinensischen Volkes ging. Man spricht von muslimischen Brüdern und Schwestern und macht den Konflikt so zu einer religiösen Angelegenheit, die einem Muslim eigentlich keine grosse Wahl läßt, auf welcher Seite er zu stehen hat. Übrigens wurde ich gestern gefragt, was ich von Hitler halte. Auf mein vehementes Nichts folgte Erstaunen der Fragestellerin, die anderer Meinung war. Warum, wollte ich wissen. Er sei ein starker Mann gewesen und er hätte die Juden umgebracht. Ob den Mord im Islam nicht verboten sei und alle Menschen gleich wertvoll seien? Doch, schon. —

Während der Woche habe ich auch ein paar Freistunden, die ich in der Bibliothek verbringe. Hier genieße ich vor allem die tollen Stühle…klingt zwar seltsam, ist aber so. Im Wohnheim gibt es nämlich keine, wir sitzen also ganz arabisch immer auf dem Boden. Das ist für mich ein bißchen gewöhnungsbedürftig; es wird zwar langsam besser, aber meine Füße schlafen mir doch noch immer des öfteren ein und mein Rücken beschwert sich auch zwischendurch. Mittlerweile hab ich aber zumindest fürs Essen ein bißchen mehr Übung dazu gewonnen. Wir essen ganz traditionell von einer gemeinsamen großen Platte. Auf dieser wurde zunächst der Reis aufgehäuft, dann in der Mitte Hühnchen oder Fisch und schließlich Gemüse(-soße) am äußeren Rand. Jeder isst von dem Fleck vor sich, also nicht von überall auf der Platte. Dazu sitzt man auf einem unterschlagenen Unterschenkel und hat das andere Bein aufgestellt. Übrigens ist es üblich dafür zu sorgen, dass Gäste ordentlich essen. Ich bekomme also immer wieder ein Stück Hühnchen oder Fisch auf meinen Teil der Platte gelegt. Letztes Wochenende habe ich bei einer Mitstudentin in ‚Ibri verbracht, während dem ich nie hungrig geworden bin :) Der Besuch war auch deswegen interessant, weil das Haus dort ein bisschen traditioneller war, als die, die ich aus Maskat kenne. Ich habe während der drei Tage dort keinen der anwesenden Männer getroffen. Nur einmal ist mir jemand aus Versehen über den Weg gelaufen, der aber ganz schnell wieder verschwunden ist. Der Kontakt zwischen Frauen und Männern ist, wenn sie nicht aus der gleichen Familie kommen, etwas anders geregelt als bei uns. Im Grunde genommen könnte man vielleicht auch sagen er ist nicht existent. Die Autofahrt nach ‚Ibri war sozusagen das möglichste in dieser Hinsicht, denn wir wurden von dem Bruder meiner Freundin gefahren. Mit dem habe ich aber weder einen Gruss ausgetauscht, geschweige denn gesprochen. Eine seltsame Situation für mich. Gleichzeitig hatte es irgendwie auch etwas respektvolles mich genauso wie andere omanische Frauen zu behandeln.

*Was ich neben der Sprachen-Baustelle noch meine, ist zum einen der Islam. In der Bibliothek gibt es einiges an englischer Literatur, über die ich mich gerade hermache. Die ist fast ausnahmslos von arabischen, muslimischen Autoren verfasst und vermittelt so etwas andere Ansichten als der Text eines deutschen Islamwissenschaftlers. Bin allerdings dankbar für alles, was ich an Vorwissen mitgebracht habe. Das hilft eine Balance zu finden. Für arabische Bücher reicht es leider noch nicht; wobei die Bibliothek in dieser Hinsicht natürlich wunderbar bestückt ist. Eine andere Baustelle ist alles was mit Benehmen und Verhalten zu tun hat; möchte soviel wie möglich davon kennenlernen; so wie ich mich manchmal fühle, müssen wir uns als Kinder gefühlt haben, bevor wir vollständig sozialisiert waren. Das ist manchmal ganz lustig, aber manchmal auch ein fast furchtbares Gefühl, weil einem dann alles fremd vorkommt und das Paket an Regeln und Erziehung, dass man von zuhause mitbringt, einem nur bedingt weiterhilft. Darüber hinaus will ich zwischendurch auch einfach nur (hier) sein, mit den Leuten sprechen, Freundschaften schließen, faul sein, ein Buch lesen, einkaufen gehen. Kann mich also über mangelnde Beschäftigung im Moment absolut nicht beklagen.

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