Salaam aleikum

März 24, 2010

Ich weiß gar nicht, wie viele Hände ich jeden Tag drücke (schütteln ist unüblich); ich müsste mal ein Zählung wagen. Das gegenseitige Begrüßen ist unerlässlich*; ein in den Raum oder die Runde gerufenes „Hallo“ aber nicht sehr üblich. Betritt man also z.B. ein Klassenzimmer beginnt eine kleine Reise durch die Stuhlreihen, wobei jedem die Hand gedrückt wird zusammen mit einem „Salaam aleikum“ oder einem „Wie geht’s?“ ( Das kann übrigens durchaus mehrmals gefragt werden, jeweils in anderen Versionen. Eine Begrüßung kann sich dann z.B. so anhören: Hallo, wie geht’s? Was gibt es Neues? Geht es gut? Wie ist die Gesundheit? Und zwischendrin die Antworten auf die gleichen Fragen des Gegenübers, das läuft alles irgendwie gleichzeitig ab. Die Antworten sind übrigens immer positiv, es handelt sich zunächst um rein rhetorische Fragen.) Da ich an verschiedenen Klassen teilnehme, geht mein Begrüßungsmarathon auf dem Weg zwischen den Räumen weiter, wobei ich mich ein bisschen fühle wie ein bunter Hund. Einen großen Teil der Mädchen, die lächelnd auf mich zukommen, kann ich nicht sofort finden in meiner „Kartei“ im Kopf. Das ist mir manchmal ein bisschen peinlich, vor allem wenn die unvermeidliche Frage folgt: Kennst du noch meinen Namen? Oje, dann muss ich öfters raten….es wird aber langsam besser und die Freude ist  groß, wenn ich einen Treffer lande. Mein Name ist irgendwie immer schon bekannt (siehe bunter Hund) genauso wie alle möglichen anderen Neuigkeiten, sei es mein Wochenende in ’Ibri oder die Tatsache, dass ich beim Bügeln ein Loch in meinen Schleier gebrannt habe. Erst gestern kam mir eine Studentin entgegen, schon von weitem lächelnd und mit ausgestreckter Hand, sodass ich entschieden habe: die muss ich wahrscheinlich kennen. Unser Begrüßungsritual war entsprechend herzlich, während ich im Kopf alle möglichen Namen ausprobiert habe ohne einen passenden zu finden. Schließlich stellte sich dann aber heraus, dass wir uns noch nicht persönlich begegnet waren. Da musste ich dann doch schmunzeln. Die Herzlichkeit, mit der ich im Institut und im Wohnheim empfangen wurde und die weiterhin anhält, ist wirklich unbeschreiblich. Mein zerstörter Schleier wurde gleich am nächsten Tag per Geschenk ersetzt (übrigens von jemandem, dem ich nur einmal begegnet war) und vorgestern habe einfach so ich ein ganzes Tütchen voller Weihrauch bekommen (den man hier ja zum Verbrennen im Haus verwendet und auch zum Einräuchern der Kleider), wiederum von einer Studentin, die ich kaum kenne. Solche Behandlung macht mich ganz verlegen. Gestern kam ich nach einer warmen Busfahrt ziemlich gerötet im Institut an (inzwischen klettert die Hitze hier in die 30er und ich lerne Klimaanlagen noch mehr zu schätzen). Keine fünf Minuten später hatte ich eine Flasche Wasser in der Hand…was soll man dazu sagen.   

 *Das gilt auch in der Familie. Sieht man sich morgens am Frühstückstisch zum ersten Mal, so gibt man sich die Hand und fragt nach dem Befinden; genauso, wenn jemand von der Arbeit oder vom Einkauf nach Hause kommt. Dabei ist es nicht unüblich, dass Kinder (egal welchen Alters) ihre Eltern oder auch die Großmutter mit einem Handkuss begrüßen. Übrigens sagt man in der Regel schon beim Betreten des Hauses laut „Salaam aleikum“ (auch wenn man weiß, dass niemand zuhause ist). Wenn man Verwandte oder enge Freunde länger nicht gesehen hat, sind Wangenküsse üblich (also bei Frauen). Die Anzahl variiert aber zwischen 2 und mehr als 2 und auch die Abfolge ist immer unterschiedlich: abwechselnd links und rechts; eine Seite nur ein Kuss und dann mehrere auf der anderen Seite oder alle auf einer Seite. Komme ich in die Lage des Wangenküssens muss ich also improvisieren =) Verwandte Männer können durchaus mit Handschlag begrüßt werden. Bei Fremden oder Bekannten gibt es aber meistens keinen Handkontakt zwischen Männern und Frauen.

 *Unerlässlich…soll auch heißen es ist eine Pflicht. Wenn ich nach dem Wochenende zurück ins Wohnheim komme, gibt’s erstmal eine kleine Begrüßungstour. Auch unsere  Betreuerinnen, die auch im Wohnheim wohnen, wollen besucht werden (das deutsche Pendant würde sich wahrscheinlich wundern) und „beschweren“ sich, genauso wie die Studentinnen auch, wenn ich länger nicht vorbeigeschaut habe. Ich versuche also, eine Balance zu finden zwischen lernen und Hausaufgaben und regelmäßigen Besuchen…gar nicht so einfach.

Eine Antwort zu “Salaam aleikum”

  1. B. Wiehr said

    Salaam aleikum,
    zwei Worte –
    am Anfang ward das Wort –
    keine leeren Wort –
    einen ersetzten Schleier,
    ein Tütchen Weihrauch,
    eine Flasche Wasser.
    Vom „Wertschätzen“ wird viel gesprochen
    und geschrieben in Leitbildern.
    Ganz einfach: Aus-, Vor-, Jetzt- Mitleben.
    Danke für den Bericht: stärkt mich auf meinem neuen unbekannten Weg: Start: Am 1.5.2010 (Alles neu macht der Mai)
    BAP

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