Besuch auf omanisch

April 2, 2010

Das Besuchen von Verwandten erreicht in Oman ganz andere Dimensionen als in Deutschland. Das liegt zum einen daran, dass eine omanische Familie ziemlich groß sein kann. Man kann gut und gerne auf 10 bis 15 Onkel und Tanten kommen und eine ganze Menge Kusins und Kusinen: die meisten Familien, die ich hier kennenlerne, haben im Schnitt 5, 6 Kinder. Zudem wird die Kontaktpflege zu Familienangehörigen als sehr wichtig empfunden. Hat man jemanden länger nicht gesehen, so ist es Zeit für einen Besuch. Der Besuch in einem omanischen Haus läuft meistens nach einem gewissen Muster ab. Nachdem man jeden der Anwesenden begrüßt hat, setzt man sich in die Maglis, eine Art Wohnzimmer. Diese ist nicht selten in zweifacher Ausstattung vorhanden…einmal für Männer, einmal für Frauen. In einer traditionellen Maglis sitzt man auf dem Boden, der mit Teppichen ausgelegt ist, an den Wänden lehnen große Kissen, sodass man es bequem hat. In einer modernen Maglis sitzt man auf Sofas. Hier bekommt man immer eine Kleinigkeit serviert; mindestens ein Glas Wasser, meistens aber auch omanischen Kaffee ( ein ganz eigener Geschmack, meistens mit Kardamom gewürzt) und Datteln oder Plätzchen ( es gibt wunderbare Sesamplätzchen) oder einen grossen Teller Obst. Immer findet sich auch eine Schale mit Wasser, damit man sich die (rechte!) Hand waschen kann. Übrigens wird das Kaffeeeinschenken oder auch das Schneiden des Obstes i.d.R. von der jüngsten anwesenden Person übernommen, die entsprechend die ältesten Gäste zuerst bedient.* Insgesamt dauert ein solcher Besuch nicht unbedingt lange, vielleicht eine halbe oder dreiviertel Stunde. Auf diese Weise hat man sich aber gesehen, Neuigkeiten ausgetauscht und deutlich gemacht, dass man Wert aufeinander legt. Hat man eine Reise geplant, so macht man vorher eine kleine Abschiedsbesuchsrunde, zumindest bei einigen Verwandten. „Besuchspflicht“ (übrigens nicht nur aus kultureller, sondern auch aus islamischer Perspektive) besteht auch, wenn jemand krank ist. Omanische Krankenhäuser verwandeln sich zur Besuchszeit in schwirrende Bienenstöcke; nach kurzer Zeit am Bett des Kranken wird man schon von der nächsten Gruppe abgelöst. Übrigens hat mein Einwand, Kranke bräuchten auch mal Ruhe und wir sollten vor unserem Besuch vielleicht lieber anrufen, nur Unverständnis geerntet. Es sei doch viel wichtiger, dass der Kranke weiß, wir haben ihn nicht vergessen (was soll man dagegen sagen?). Ich konnte förmlich hören wie zwei vollkommen unterschiedliche Verhaltensweisen aufeinander prallen; dass wir aber gemeinsam darüber lachen konnten, uns tatsaechlich prächtig amüsiert haben, fand ich wunderbar.

*Respekt gegenüber Älteren wird hier sehr groß geschrieben. Sie werden als erste begrüßt oder bedient, man lässt sie vorangehen. Trägt jemand Älteres etwas, so ist man angehalten, es ihm abzunehmen. Übrigens meint man damit nicht nur alte Leute, also die Generation der Großeltern (obwohl ihnen mit Sicherheit der meiste Respekt entgegengebracht wird), sondern generell jeden, der älter als man selber ist. Die Mdchen in der Uni, die fast alle jünger sind als ich, gehen so gut wie nie vor mir durch eine Tür.

2 Antworten zu “Besuch auf omanisch”

  1. Helge said

    die vielen besuche hab ich in palästina auch als etwas ganz besonderes (in der dortigen perspektive: etwas ganz selbstverständliches) erlebt. aber zum glück dauern sie bei dir nich so lange wie ich es erlebt habe … kaffee mit kardamon klingt auch nach einer interessanten variante. wie spannend!

  2. franny_from_the_block said

    Immer wieder spannend, was du erlebst und feststellst. Diese alltäglichen Dinge und Unterschiede sind doch das, was wirklich interessant ist.

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