Einseitige Bilder

Mai 5, 2010

In den Vorlesungen zur muslimischen Frau und zu islamischer Erziehung geht es immer wieder um Europa, um „den Westen“, der als Negativbeispiel herangezogen wird (warum definieren wir uns selber immer nur in Abhängigkeit von dem Anderen, das in unseren Augen schlecht oder falsch ist?). Das Bild, das dadurch von diesem Teil der Welt entsteht, ist natürlich ziemlich einseitig und das macht mich traurig. Viele meiner Mitstudentinnen waren noch nie außerhalb Omans und eine zukünftige Reise nach Europa ist eher unwahrscheinlich. Was der Scheich (der in England, Frankreich oder Deutschland studiert hat und der unter den Studentinnen großes Ansehen genießt) erzählt, prägt folglich ihr Bild von uns und unserem Leben. Ein Bild, in dem es um knappe Kleidung, uneheliche Kinder, geschiedene Ehen, Essen aus der Mikrowelle, keine Zeit für Familie geht. Wir kommen nicht gut weg; und natürlich stimmt es, das alles gibt es, aber eben nicht nur. Fragen, die ich häufiger höre: Stimmt es, dass alle Kinder mit 18 Jahren von zuhause ausziehen? Warum haben alle alten Leute einen Hund?* Dazu kommt, dass viele Menschen hier die Berichterstattung westlicher Medien beklagen, sie fühlen sich angegriffen (die Geschichte der dänischen Karikaturen z.B. ist noch präsent) und das durchaus zurecht. Denn natürlich gibt es auch das alles, aber es ist nur eine Facette und kann in keinem Fall als Beschreibung muslimischer Gesellschaften gelten.  Ein großer Teil unserer Vorstellung vom Orient, von arabischen Ländern und Muslimen besteht jedoch vor allem aus dem mediengeschürten Bild von Selbstmordattentätern, heiligen Kriegern und unterdrückten Frauen (oder aus den märchenhaften Erzählungen von 1001 Nacht). Es müssen also auf beiden Seiten positive Eindrücke vermittelt werden, damit wir im Anderen nicht nur schlechtes sehen. Dann kann gegenseitige Akzeptanz entstehen, sodass unterschiedliche Lebensweisen koexistieren können, ohne dass sich die eine durch die andere bedroht fühlt.

 *Hier dreht sich alles um Familie und deren Zusammenleben und –halt. Man zieht von zuhause aus, wenn man heiratet. Großeltern leben bei ihren Kindern; ich weiß gar nicht, ob es hier überhaupt ein einziges Altenheim gibt.

Eine Antwort zu “Einseitige Bilder”

  1. Simone said

    Welch überaus wichtige Nachricht von dir, Kathrin!
    Dadurch änderst du so einige meiner Gedankengänge ; )
    Hab dich lieb! deine mone

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